KARTON
Architektur im Alltag der Zentralschweiz
Nummer 29 * Januar 14

«Weltlichkeit im Sakralen»

KARTON 29 | 2014

INHALT

Neue Sakralbauten in Luzern

von Fabrizio Brentini
Drei Beispiele zum aktuellen Bauen für christliche Gemeinschaften und Institutionen.

Raum – Skulptur

von Peter Omachen
Der Künstler Kurt Sigrist hat in den vergangenen Jahrzehnten mehrere Sakralräume in der Zentralschweiz neu gestaltet.

Der Altar und das Profane

von Cla Büchi
Das Team um die Kunstschaffende Judith Albert gestaltete den Chorraum der St.-Ursen-Kathedrale in Solothurn neu.

Neues aus der HSLU T&A

Erweiterung des Klosters Menzingen mit Ersatzneubauten um den südlichen Innenhof.
Drei Lösungen aus Arbeiten zum Bachelor-Diplom.

Neues von der Denkmalpflege in der Zentralschweiz

Scheune und Alpstall
Gerold Kunz, Denkmalpfleger NW, bietet Einblick in den Aufbruch im Kirchen- und Kapellenbau nach 1950 in Nidwalden.


EDITORIAL

Befreiende Räume und dienende Gebäude

von Florian Flohr, Theologe
Die Räume, die die Kirche anbieten will, bilden Menschen. Kirche ist zuallererst eine Versammlung von Personen im Geist eines jüdischen Wanderpredigers ohne festen Wohnsitz. Sein erster grosser Interpret, der römische Weltenbürger Paulus, untergrub die damalige Selbstverständlichkeit von steinernen Tempeln durch seine These, dass die «Hausgenossen Gottes» zu einem «heiligen Tempel» werden (Brief an die Epheser 2, 19ff.).
Es gilt also zu unterscheiden zwischen kirchlichen Räumen (die aus Menschen bestehen) und kirchlichen Gebäuden (die aus Zeltstoff, Holz, Stein, Beton und Glas bestehen können). Und in einer christlichen Perspektive ist klar, dass die Gebäude den Menschen zu dienen haben und nicht umgekehrt. Die Konstituierung kirchlicher Räume durch Menschen lässt auch das Begriffspaar sakral/profan als ungeeignet erscheinen, um kirchliche Gebäude zu qualifizieren. Die christliche Definition von Heiligkeit fokussiert das Heilsame, das Heil bringende für die Menschen und nicht die Abgrenzung von sakralen und «unheiligen» Zonen durch Mauern und Vorschriften. Die Grenzen verlaufen anders. Ein «sakrales» Kirchengebäude, in dem Nationalismus oder Verachtung von Minderheiten zelebriert wird, ist ein Ort des Bösen; ein «profanes» Sitzungszimmer, in dem neue Ideen für menschengerechtes Wohnen im Alter entwickelt werden, ist ein Ort der Heiligkeit.
Architektur, Bauen und Liegenschaftsbewirtschaftung werden im christlichen Kontext daran zu messen sein, wie heilsam sie für die Menschen und die Gesellschaft sind, ob sie Platz bieten für Randständige und Benachteiligte, ob sie in der Lage sind, Menschen aus der Selbstverständlichkeit des Egoismus und der Todesvergessenheit zu lösen und ihnen neue Horizonte zu öffnen. Ein christlicher Diskurs über Architektur kann und darf also nicht bei «Sakralbauten» stehen bleiben, sondern darf und muss alle Formen von Gebäuden und Gebäudebewirtschaftung hinterfragen, die Menschen abhängig machen und ausbeuten. Diese Diskussion wird hoffentlich auch den engen Kreis der Fachleute sprengen und sich öffnen für das gesellschaftliche Gespräch über Stadtentwicklung und Raumplanung.