KARTON
Architektur im Alltag der Zentralschweiz
Nummer 22 * September 11

«Das passt! Integration in der Architektur»

KARTON 22 | 2011

INHALT

«Um Differenz zu beschreiben, braucht es ein gewisses Quantum vom Gleichen»

Interview Cla Büchi
Zum integrativen Bauen des Gion A. Caminada in Vrin.

Paragrafenreiter hoch zu Ross

von Sepp Rothenfluh
Ein Beispiel in Sursee, wie Juristerei einfügsame Architektur behindert.

Ein Ort mit Kraft

von Gerold Kunz
Ein gelungenes Ensemble aus Alt und Neu in Ballwil.

Neues aus der HSLU T&A

Visuelle Gestaltung und Architektur im Dialog.


EDITORIAL

Lernen von der Architektur

von Gerold Kunz
Bauten verändern sich und mit ihnen ihre Umgebung. Nicht selten leiten Investitionen in einem vernachlässigten Quartier den Umbau ganzer Stadtteile ein. Wie soll sich unter diesen Umständen ein Neubau einfügen können? Von dieser Fragestellung sind auch Wettbewerbsprojekte betroffen. Oft wird ein Projekt gerade wegen seinen Qualitäten innerhalb der unmittelbaren Umgebung ausgewählt, doch Garantien für den Bestand des lokalen Ortsbilds gibt es nur in seltenen Fällen. Ein Beispiel: Der neue Bahnhof Luzern und die Bahnhofpost verhielten sich respektvoll zum alten Kunst- und Kongresshaus, das neue Vordach übernahm sogar die Höhe des alten Vorbaus des Meilibaus. Heute ist nicht nur das KKL Luzern neu gebaut, auch die Bahnhofpost hat sich bereits verändert: Sie erscheint als Universität in neuem Kleid.
Für die Architektur der Schweiz ist die Integration der Neubauten in ihre Umgebung dennoch ein wichtiges Thema. In der Architektenausbildung wird der Frage der Integration viel Aufmerksamkeit geschenkt. An den Schulen weisen die angehenden Architekten und Architektinnen in ihren Projekten die Bezüge zur Nachbarschaft immer aus. über die Jahre ist ein Wissen zusammengekommen, das zu den Grundpfeilern der Schweizer Architektur zählt.
Dieses Wissen liesse sich auf die Menschen übertragen. Wie in der Architektur stellt sich auch im Zusammenleben der Menschen die Frage nach dem Mass der Integration. Es geht bei beidem darum, das neue Ganze zu betrachten. Im Zentrum steht das Wechselspiel zwischen dem Neuen und dem Alten, zwischen dem Fremden und dem Bekannten. In dieser Nummer von KARTON gehen wir dieser Fragestellung nach: Was passt? Integration in der Architektur gelingt dann, wenn das Neue dem Bestand respektvoll gegenübertritt, ohne seine Eigenheiten zu verleugnen. Auch ist der Verwendungszweck des Neubaus wichtig. Neue Nutzungen können im Stadtbild Akzente setzen und somit das Ortsbild prägen. Neubauten mit herkömmlicher Nutzung gliedern sich mit Vorteil in den Bestand ein. Ein Unterordnen gibt es aber nicht, jedem Bau stehen seine Eigenheiten zu. Wie halten wir es mit der Integration unserer Mitmenschen? Ein Lernen von der Architektur ist heute angesagt.