KARTON
Architektur im Alltag der Zentralschweiz
Nummer 04 * September 05

«DIE TESSINER SCHULE ZU BESUCH»

KARTON 04 | 2005

INHALT

Tendenza: Engagement oder Dekoration?

von Ursula Mehr und Pino Pilotto
Interview mit Max Germann und Claus Niederberger

Lichtverhältnisse fast wie im Süden

von Sepp Rothenfluh
Drei Einfamilienhäuser in Beinwil am See von Silvia Gmür und Livio Vacchini

Kleines Volumen mit komplexem Inhalt

von Dieter Geissbühler
Mehrfamilienhaus in Zug von Mario Campi und Beerli Architektur AG

denke immer an die Stadt

von Cla Büch
Wohn- und Geschäftshaus in Sursee von Luigi Snozzi und Bruno Jenni

Pilgern zur Erkenntnis

von Gerti Kaspar
Bibliothek für Architekturgeschichte in Einsiedeln von Mario Botta


EDITORIAL

Faktor Tessin

von Gerold Kunz
In dieser Ausgabe widmen wir uns der Tessiner Schule*. Nicht dass wir eine totgesagte Bewegung wieder beleben oder uns mit dem Glanz vergangener Tage schmücken möchten. Nein! Mit aktuellen Beiträgen und Projekten von Vertretern der Tessiner Schule wollen wir deren Einfluss auf den Raum Zentralschweiz nachspüren. Botta, Campi, Galfetti, Snozzi und Vacchini heissen unsere Protagonisten. Sie sind alle in der Zentralschweiz mit Aufträgen beschäftigt, die auf die Frage antworten, was von der Aufbruchstimmung, die durch die Tessiner Schule verbreitet wurde, geblieben ist. Als vor dreissig Jahren das Tessiner Architekturschaffen zur Tendenza* wurde, war die Schweiz gerade mit Raumplanung beschäftigt. Begriffe wie «Bauen als Umweltzerstörung» machten die Runde. Innert einer Dekade reformierten engagierte Architektinnen und Planer das Selbstverständnis einer Disziplin, die sich in soziologischen Fragestellungen zur verlieren drohte. Was dann unter der Bezeichnung «Tessiner Schule» rund um die Welt ging, ist eine formale und inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Ort, jenes bisweilen nebulösen und mythisch anmutenden Begriffs, der die Architekturdiskussion bis heute prägt. Und um den «Ort» Zentralschweiz geht es auch in KARTON. Im Interview fragen wir nach dem Einfluss der Akteure, dem kulturellen Austausch von Süden nach Norden und weshalb es keine Tendenza in der Zentralschweiz gibt. Für einmal lassen wir die Frage nach der Aktualität der gebauten Beiträge zurückstehen zu Gunsten einer Gesamtschau, die uns ein Phänomen erläutern soll: Norden trifft Süden, ein Stück Zentralschweizer Leitkultur! Neu in diesem Heft sind Beiträge von Studierenden der HTA Luzern. In jeder der folgenden Nummern von KARTON wird die Architekturabteilung über Arbeiten von der Schule berichten. Bauten und Projekte, die den Nachweis erbringen, dass sie gebaut werden können, aber nicht behaupten, dass sie gebaut werden müssen, werden künftig im Kontrast zu den verwirklichten Architekturen stehen. Wir sind überzeugt, damit nicht nur den Austausch zwischen Schule und Berufswelt zu fördern, sondern auch die Diskussion über die bauliche Zukunft der Zentralschweiz zu intensivieren.* Die Begriffe «Tessiner Schule» und «Tendenza» meinen beide das Gleiche: Sie bezeichnen das Schaffen einer Generation von Architekten im Tessin ab den 1960er Jahren, das 1975 mit der Ausstellung «Tendenzen - neue Architektur im Tessin» an der ETH Zürich erstmals auf sich aufmerksam machte.